Text: Josef Eder Fotos: Henry Schopp, Michelle Müller, Gert Weigelt, Daniel Angelescu, Josef Eder, Wiebke Nedel
Community Dance, mein sehr persönlicher Bezug dazu liegt in einer bereits über 30-jährigen Tätigkeit als Choreograph, ein Beruf, zu dem ich erst durch Umwege gelangte, was auch in engem Zusammenhang mit dem Zitat »You can change your life in a dance class« steht. Auch wenn es in den vergangenen 20 Jahren als das meistgenannte Statement zum Community Dance etwas abgedroschen erscheint, stelle ich den Ausspruch des Choreographen und Pioniers der Community Dance-Bewegung Royston Maldoom (*1943) voran, denn vielleicht mag er den einen oder die andere doch zum ersten Mal erreichen.
Meine persönliche Reise zu Community Dance
Dieser Moment, als ich mit 26 Jahren zum ersten Mal die heiligen Hallen eines Tanzstudios in Köln betrat, dieser erste Kontakt mit Tanz als Kunstform hat mein Leben verändert, oder besser gesagt, auf den Kopf gestellt. Royston Maldoom sollte ich erst 15 Jahre später begegnen, lange nach meiner Tanzausbildung in Köln und New York, lange nachdem ich erfahren hatte, welchen Preis es kostet, sich in diesem Alter für die Ausbildung zum Tänzer zu entscheiden und Bühnentanz zu meinem Alltag wurde, lange nach meinem Tanztheater Zwiefach in Köln und meiner Bayerwald Passion, lange nach vielen Aufs und Abs in einer knallharten Tanzwelt und an einem Punkt im Leben, wo mein Körper mich dazu zwang, zum Schauspiel zu wechseln. In einer herausfordernden Zeit Anfang der 2000er-Jahre und im Übergang vom Tänzer zum Schauspieler überredete mich ein Freund mit ihm in den Film Rhythm is it zu gehen, das Vorzeigeprojekt von Community Dance. Ein wegweisender Moment. Bei allen Zweifeln, die mich zu der Zeit in meinem Leben umtrieben, war mir sofort klar, hier und jetzt beginnt etwas Neues.
»… gefangen in einem Sog, wo
Kunst und Leben sich verbinden.«
Feuervogel im Opernhaus Bukarest 2009; Choreographie: Royston Maldoom und Josef Eder
Die Wurzeln von Community Dance
Zur gleichen Zeit war Community Dance in England längst in der Gesellschaft angekommen. Schon in den 1970er-Jahren begann Royston Maldoom als Pionier mit Amateuren zu arbeiten. Im Jahr 2000 gründete er unter anderem mit Mags Byrne in London die Organisation Dance United. Sie wollten Tanz für benachteiligte Gesellschaftsgruppen anbieten, denen aus unterschiedlichsten Gründen der Zugang zu Kunst und Kultur nur schwer möglich war. Durch
den Zusammenschluss mehrerer Choreographen und Choreographinnen sollte die Arbeit im Tanz als Gestaltungskraft sichtbarer werden und als eigenständige Bewegung gesellschaftliche und politische Präsenz zeigen. Sie arbeiteten aus leidenschaftlicher Überzeugung, dass zeitgenössischer Tanz, unabhängig von Alter, sozialer Herkunft, religiöser oder kultureller Zugehörigkeit, physischen oder kognitiven Möglichkeiten, ein Schlüssel zu persönlichem und sozialem Wachstum eröffnet. Tanz sollte nicht nur einer Elite vorbehalten sein, sondern allen Menschen, ohne kategorisierende Einschränkung. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Projekte in Stadtteilen, Schulen, Gefängnissen, Seniorenheimen und in Behinderteneinrichtungen. Der Fokus lag auf Partizipation.
Community Dance kommt nach Deutschland
Seit den 1990er-Jahren hat sich Community Dance international verbreitet. In vielen Ländern ist er heute fester Bestandteil von kultureller Bildung, sozialer Arbeit und Gesundheitsförderung. Auch professionelle Tanzkompanien und Theater arbeiten zunehmend mit Community Dance-Ansätzen und beziehen Amateure in ihre Produktionen ein, wie zum Beispiel die Kammerspiele in München. In Deutschland kam die Bewegung durch eben diesen Kinofilm an, Rhythm is it. Er dokumentiert das erste Tanzprojekt mit den Berliner Philharmonikern zu Musik von Igor Strawinkis Le sacre du printemps unter der Leitung von Sir Simon Rattle.
»Improvisation verlangt das Einverständnis, verletzlich zu sein.«
Rhythm is it
Bei Übernahme des Berliner Orchesters machte Rattle Kunst-Programme zur Bedingung. Er etablierte ab 2002 wegweisende Education-Programme, die klassische Musik durch Mitmachprojekte für Kinder und Jugendliche jeglicher Herkunft zugänglich machte. Rattle betonte die soziale Kraft der Musik, öffnete den Zugang zum Orchester für alle sozialen Schichten mit dem Ziel, durch Tanz- und Musikprojekte die Kreativität junger Menschen zu fördern. Für Le Sacre du printemps engagierte er den Choreographen Royston Maldoom. Es sollte ein Tanztheater in der Treptow Arena in Berlin auf die Bühne kommen, mit 250 Kindern und Jugendlichen, das für Furore sorgte.
Durch den Dokumentarfilm Rhythm is it wurde Community Dance auf einen Schlag nicht nur in Deutschland, sondern global sichtbar und eröffnete der Arbeit mit Amateuren ungeahnt neue Möglichkeiten. Der Film sollte die Kulturlandschaft nachhaltig prägen und verändern, Community Dance war in aller Munde.
Die 250 Kinder und Jugendlichen arbeiteten fünf Wochen mit Royston Maldoom an der Choreographie zu Le Sacre du printemps, das Frühlingsopfer. Das Projekt zielte darauf ab, benachteiligten Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu eröffnen, mit professionellen Künstlern eine Tanztheater-Produktion zu erarbeiten und in einem professionellen Rahmen auf die Bühne zu bringen. Der Fokus lag dabei auf dem künstlerischen Prozess in der Erarbeitung der Choreographie und Förderung kreativer und sozialer Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen.
Die transformative Kraft von Tanz wurde durch die charismatische Leitung von Royston Maldoom plötzlich sichtbar und zeigte in beeindruckender Weise, wie die Amateure während des Prozesses über sich hinauswuchsen. Bis heute gilt Rhythm is it als das Meisterwerk und Vorzeigeprojekt, das die Kraft und den Wert künstlerischer Arbeit mit Amateuren in berührender und atemraubender Form dokumentiert.
Zwanzig Jahre später konnte ich meine Version von Le Sacre du printemps in Winterthur in der Schweiz mit 80 Tänzerinnen und Tänzern und einem Orchester von 110 Musikern, 50 davon aus Kolumbien, auf die Bühne bringen. Die Premiere war sicherlich ein Höhepunkt meiner Karriere und ein für mich tief bewegender Moment.
Sergej Prokofjews Le pas d’acier im Opernhaus Wuppertal 2014; Choreographie: Josef Eder
Mein persönlicher Zugang
Das Glück, mit Royston arbeiten zu können, war dem Zufall geschuldet, dass wir beide Bauern gewesen waren, bevor wir uns für einen künstlerischen Lebensweg entschieden, was zur Folge hatte, dass wir bei unserer ersten Begegnung ziemlich schnell eine gemeinsame Sprache fanden. Diese Verbindung sollte uns über Jahre in vielen Projekten weltweit zusammenschweißen. Mein erstes Projekt mit Royston Maldoom war 2005 in Hamburg, wo wir mit Live-Musik der NDR-Bigband und 120 Schülerinnen und Schülern in einer nur dreiwöchigen Probenzeit das Jazz-piece auf die Bühne brachten.
Zugleich war das Projekt meine Feuertaufe als Community Dance-Choreograph. Die bisherige Arbeit als Choreograph mit meinem Ensemble Tanztheater Zwiefach in Köln hatte sich auf lediglich fünf Profitänzer beschränkt, plötzlich standen da 120 ziemlich lebendige Kinder im Raum. Royston wurde am zweiten Projekttag krank, und sagte freundlich zugewandt zu mir: »Josef, you will do it, have fun!«. So stand ich am dritten Projekttag vor einer Gruppe mit über 100 Menschen, und mir blieb gar nichts anderes übrig als so zu tun, als wüsste ich, was ich tue. Ich erinnere mich nur zu genau an das Gefühl, als eine Masse tobender Kinder in die Halle stürmte, eine der größten Herausforderungen und einer der prägendsten Lernmomente meines Lebens. In der zweiten Woche war Royston zurück, und wir brachten das Projekt zu einer fulminanten Aufführung. Es folgten acht gemeinsame Jahre, die ich als Trainingsleiter und Co-Choreograph Roystons in zahlreichen nationalen und internationalen Projekten erleben durfte, und dabei tief in die Materie des Community Dance eintauchen konnte.
Workshop in Capetown 2012
Die Philosophie von Community Dance
Bewegung ist ein Lebenselixier, dass sich in Tanz, im Singen, in der Musik manifestiert, ist in allen Gesellschaftsformen tief im menschlichen Sein verwurzelt und besitzt eine zeitlose Anziehungskraft, die kulturelle und soziale Grenzen überwindet. Auch wenn Rhythm is it sich auf die Arbeit mit Jugendlichen bezieht, der Grundgedanke von Community Dance ist »Tanz für alle« und liegt in einer heterogenen, interkulturellen und intergenerativen Zusammensetzung der Gruppe. So können Gymnasiasten mit Gehörlosen, Menschen mit Downsyndrom mit Straßenkindern, Blinde mit Geflüchteten, Rollifahrer mit Kindern aus sozial schwachen Familien, Menschen mit einer körperlichen Behinderung mit Weisenkindern gemeinsam auf der Bühne stehen. So können ein 12- jähriges Kind und eine 80-jährige Frau im gleichen Ensemble zusammenarbeiten, voneinander lernen, einander Respekt und Achtung entgegenbringen, gemeinsam in neue Erfahrungswelten eintauchen und dabei bestehende Vorurteile in Empathie und Wertschätzung wandeln.
Gerade in der Arbeit mit Geflüchteten erlebe ich immer wieder die Früchte echter Teilhabe und die Kraft künstlerischer Begegnungsräume auf Augenhöhe. Hier zeigt sich im besonderen Maße die Chance, diese eben nicht in einer klischeebehafteten, etikettierten Opferrolle wahrzunehmen, sondern ihre individuellen Stärken und Kompetenzen zu erleben. Dass 2015 meine Produktion Das Fremde so nah am Anhaltischen Theater in Dessau mit syrischen Geflüchteten und Dessauer Jugendlichen nur unter Polizeischutz stattfinden konnte, erzählt eine andere Geschichte.
Die Performance
Ohne Zweifel sind die Projekte eine große Herausforderung für die Teilnehmenden, und der persönliche Prozess bis hin zur Performance verläuft sicherlich auch nicht immer linear. Das Wissen um das gemeinsame Ziel, um den Tag der Performance hilft dabei immer wieder, energetische Täler durchzuhalten. Gerade weil die meisten Tänzerinnen und Tänzer das erste Mal vor Publikum auf einer Bühne stehen, hilft der konstante Hinweis auf den professionellen Anspruch des Projekts dabei, die Verantwortung bewusst zu machen, die jeder als Teil eines Ganzen für das Projekt trägt.
Der Begriff professionell bedeutet mit den Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle im Hinblick auf Rahmenbedingungen sicherlich etwas anderes als bei einem Projekt in einer Blechhütte in Addis Abeba in Äthiopien oder in einem Gemeindehaus in Ramallah in Palästina. Der Anspruch an die Arbeit aller Beteiligten ist allerdings immer der gleiche, ganz unabhängig vom Setting. Das beginnt bei der Haltung der Tänzerinnen und Tänzer und reicht bis zur Ausstattung der Bühne, der Qualität des Lichts bis hin zu den Kostümen. Wie gesagt, alles im Rahmen der sich anbietenden Situation.
Teil meiner Verantwortung aber ist es, dass die Präsenz der Tanzenden, der eines Profis in nichts nachstehen und sie über das nötige Handwerkszeug verfügen, innerhalb ihrer Möglichkeit das Beste zu geben. Jeder Mensch hat ein Gefühl dafür, wieviel er in etwas investiert, wo seine persönliche Komfortzone endet und wo er beginnt, auf seinem Weg Neuland zu betreten. Diesen Weg unterstützend zu begleiten, sehe ich als den wesentlichsten Auftrag für mich als Choreographen, um eine wahrhaftige Erfahrung auf der Bühne zu ermöglichen.
Tanz und Emotion
Wir alle haben im Theater, im Konzert, schon mal erlebt, wie sich der Raum plötzlich verdichtet, wie sich eine unsichtbare Kraft verbreitet, wie uns etwas emotional überrollt, uns aufrüttelt oder tief berührt. Eine kollektive Ergriffenheit und intensive Gegenwärtigkeit nehmen uns in den Bann, ein unsichtbares Etwas spinnt sich als verbindendes Element durch den Raum. Er hat sich aufgeladen mit einer fragilen, verletzlichen Intensität, wir sind wie gefangen in einem Sog, wo Kunst und Leben sich verbinden. Der Raum ist dicht, gefüllt mit einer berührenden Stille. Als würden die Tänzer für einen kurzen, leuchtenden Augenblick diese mit dem Publikum teilen. Wie entstehen nun diese Momente, was müssen die Performer dafür tun, und welche Räume muss ich als Choreograph dafür eröffnen?
Durch Improvisation im Tanz zu innerer und äußerer Freiheit
Eine allen Tanzstilen gemeinsame Technik ist die Improvisation. Anders als in festgelegten Choreografien geht nicht darum, richtig zu tanzen, sondern authentisch. Diese Authentizität ist nur möglich, wenn wir uns von der ständigen Beobachtung im Kopf lösen. Solange wir beim Tanzen dem Blick der anderen auf uns mehr Raum geben als unserer inneren Stimme, sind wir gefangen, bleibt der Körper kontrolliert. Wir wollen gefallen, beeindrucken oder zumindest nicht negativ auffallen. Das hemmt. Improvisation verlangt etwas anderes: das Einverständnis, verletzlich zu sein. Nicht die perfekte Form steht im Mittelpunkt, sondern die innere Bewegung: Impuls, Atem, Gewicht, Loslassen, Widerstand, Zufall. Improvisation bedeutet, sich dem Moment anzuvertrauen und die Kontrolle aufzugeben. Genau darin liegt ihre Kraft. Hier sehe ich den Schlüssel zu innerer Freiheit, zu radikaler Gegenwärtigkeit. Der Körper beginnt, Risiken einzugehen, Emotionen eine äußere Gestalt zu verleihen. Er darf zittern, stocken, fallen, lachen, rollen, fliegen. Er darf scheitern. Und genau dieses Scheitern ist oft der Beginn von etwas Authentischem.
Improvisation im zeitgenössischen Tanz ist somit nicht nur eine Technik. Sie ist eine Haltung. Eine Entscheidung, sich selbst wichtiger zu nehmen als das, was andere von einem denken. Es geht um innere Unabhängigkeit. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich von außen nach innen. Vom Blick der anderen zum eigenen Empfinden, von Bewertung zu Wahrnehmung, von Kontrolle zu Lebendigkeit. Es muss uns egal werden, was andere denken – nicht aus Trotz, sondern aus Vertrauen zu uns selbst. Zeitgenössische Tanz-Improvisation fragt nicht: »Sieht das gut aus?«, sondern: »Bist du wahr?« Improvisation ist damit auch ein Akt des Widerstands gegen Normen, gegen Schönheitsideale, gegen stereotype Bilder, gegen gesellschaftliche Vorstellungen davon, was konform ist.
Ein Mensch, der improvisiert, erfindet, gestaltet auf einer tieferen Ebene: Er lernt, mit Unsicherheit umzugehen, Perspektiven zu wechseln, eigene Lösungen zu entwickeln. Wenn ein Kind erlebt: »Ich kann etwas Eigenes erschaffen«, verändert das sein Selbstbild. Es wird vom Konsumenten zum Gestalter. Das Körperbewusstsein erinnert sich daran, dass er mehr ist als Werkzeug, er ist Ausdruck, Gebet, Feuer. Das ist dann der Moment, in dem bei der Tänzerin und beim Tänzer Körper und Bewusstsein nicht mehr getrennt sind, Körper, Geist, Seele verschmelzen, werden eins, der ganze Mensch wird sichtbar.
Gerade in einer Welt, die sich ständig verändert, menschlich analoge Begegnungen im Dschungel sozialer Medien verschwinden, brauchen besonders junge Menschen nicht nur Wissen, sondern die Fähigkeit, selbstwirksam zu handeln und über den Tellerrand hinaus zu leben.
Erfahrungen
Die Erfahrungen aus meinen Projekten zeigen, dass Menschen jeden Alters, jeglicher sozialer Schicht oder physischer Möglichkeiten, vor allem aber Kinder und Jugendliche, wenn sie entsprechend begleitet und gefördert werden, in der Lage sind, über sich hinaus zu wachsen und das Publikum vergessen machen, dass Amateure auf der Bühne sind. Hier geht es keinesfalls um absolute Synchronizität oder Perfektion, es geht um Präzision, die Sichtbarkeit des vollen Potentials, und das wird erreicht durch Hingabe, Disziplin, Vertrauen, klare Struktur, Anstrengung und ernst gemeinte Erwartungen an die Qualität der Performance.
Fazit
Die Geschichte des Community Dance offenbart, dass Tanz weit mehr sein kann als eine Kunstform für die Bühne. Er ist ein Mittel der Selbst-Begegnung, des Ausdrucks und der Gemeinschaft. Community Dance verbindet Menschen, stärkt Selbstvertrauen und macht kulturelle Teilhabe möglich. Community Dance ist kein Geschenk für Auserwählte, er ist ein Lernraum, der Menschen verbindet, soziale Hürden überwindet, und das Potential aller Beteiligten in den Kontext eines gemeinsamen, sinnhaften Ganzen stellt.
Oder, um es mit Blick auf die Weltlage in den Worten der berühmten, deutschen Tanztheater-Pionierin Pina Bausch (1940–2009) zu sagen: »Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren«.







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